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Beitragvon Dr. Zoidberg am 9. April 2013 15:32

Fatherland by Robert Harris

Berlin, 1964: Als Anfang April die Leiche einer ehemaligen Nazi-Größe aus der Havel gefischt wird, vermutet man zuerst einen Unfall oder Selbstmord. Doch der untersuchende Kripodetektiv, Sturmbannführer Xavier March, zweifelt an dieser Version und geht von einem Mord aus. Offenbar stößt er damit - nur wenige Tage vor den großen Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag des Führers - in ein Hornissennest, denn bald ist die halbe SS unter Obergruppenführer Odilo Globocnik hinter dem Fall, der als Verschlusssache behandelt wird, (und March) her. Und dann stößt March bei seinen Ermittlungen auch noch auf eine amerikanische Journalistin, die einiges über den Fall zu wissen scheint...

Ein ziemlich spannender und provokanter alternate history-Roman, bei dem der Kriminalfall die Bühne für eine Beschreibung einer Welt ist, in der die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Die Geschichte ist voller historischer Persönlichkeiten, die Gestaltung Berlins ist den Plänen Speers nachempfunden - und die beklemmende Realität des Lebens in einer faschistischen Diktatur, auch für jene mitten im System, wird deutlich aufgezeigt; schon nach dreißig Jahren blättert die Farbe und verblasst der Glanz des Tausendjährigen Reiches auch in dessen Hauptstadt, viele Schilderungen erinnern an den Klassiker 1984.
Ein sehr interessantes Buch, weniger wegen seiner literarischen Qualitäten als wegen des Szenarios - hat mir etwas besser gefallen als das (zumindest ansatzweise) vergleichbare Making History. :)
Dr. Zoidberg
 

Beitragvon Dr. Zoidberg am 25. April 2013 10:17

Ich hab mal wieder ein Sachbuch gelesen, und zwar ein sehr sehr Interessantes! :)

Sex at Dawn: How We Mate, Why We Stray, and What It Means for Modern Relationships by Christopher Ryan and Cacilda Jetha

Warum leiden so viele Beziehungen früher oder später an Eifersucht, Desinteresse, Seitensprüngen - wenn doch viele Wissenschaftler (und noch mehr Moralapostel) sagen, dass die (serielle) Monogamie die "natürliche" Beziehungsform des Menschen ist? Stimmt die oft wiederholte Ansicht, dass Frauen (wegen der größeren Investition in den Nachwuchs) auf emotionale Treue des Partners achten, während Männern sexuelle Treue wichtiger ist? Führt dies zwangsläufig dazu, dass Frauen und Männer (evolutionsbiologisch betrachtet) widerstrebende Interessen in Beziehungen haben, ja geradezu "natürlich verfeindet" sind?

Nein! Das sagen zumindest die Autoren des Buches, ein Psychologe und eine Psychaterin, die sich mit der "ursprünglichen" Sexualität der Menschheit, nämlich vor dem Übergang zur Landwirtschaft vor maximal 10,000 Jahren, beschäftigt haben. Ihrer Ansicht nach leiden die Menschen heute hauptsächlich darunter, dass ihre Gene und angeborenen Verhaltensweisen nach der sexuellen Freizügigkeit des Paläolithikum streben, während die anerzogene Sexualmoral ein Ergebnis der Sesshaftigkeit und der Umstellungen mit der Landwirtschaft ist.
Ihrer Theorie nach lebten Menschen in der Altsteinzeit in größeren Gruppen von etwa 100 Menschen, wo mehr oder weniger jeder Erwachsene mit jedem anderen Sex hatte (wie das auch bei Bonobos der Fall ist), was zum Abbau von Spannungen und zur Festigung des Gruppengefüges diente, und dazu führte, das Fragen von Vaterschaft gar nicht erst gestellt wurden, sondern die Kinder von der ganzen Gruppe aufgezogen wurden (es gibt auch heute noch Gesellschaften, wo das so praktiziert wird).
Untermauert werden die Thesen von Erkenntnissen aus Archäologie und Anthropologie, aus Vergleichen mit diversen Primaten und einer Abrechnung mit gewissen Zweigen der Evolutionspsychologie, die offenbar unter dem zu starkem Bias leidet, heutige (westliche) Verhaltensweisen zu generalisieren und auf Urmenschen des Paläolithikums zu übertragen.

Insgesamt ein sehr interessantes und überwiegend überzeugendes Buch, locker geschrieben, absolut empfehlenswert! :up:
Dr. Zoidberg
 

Beitragvon base am 27. April 2013 09:17

Klingt sehr interessant! Ist sicher mal etwas anderes zu lesen, aber natürlich für unsere derzeitige Kultur & das ganze System aufdem unsere Gesellschaft momentan basiert undenkbar.

Zum diesem Thema glaube ich ja dass hier bei uns in Europa über die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung "overworked and underfucked" sind, und ich denke darunter leiden Kommunikation und Bindung in der Beziehung, und wenn dann "ein günstiges Angebot" kommt / "ein neues Abenteuer lockt" geraten viele in Versuchung.
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Beitragvon Dr. Zoidberg am 28. April 2013 11:28

@base: Ich hab mir eh überlegt, zu den Themen aus dem Buch noch einen oder mehrere separate(n) Thread(s) zu eröffnen, wenn ich mal Lust und Zeit habe. :)

Von meiner Oma hab ich ein Buch bekommen, das ich sonst wohl nicht gelesen hätte - ein Klassiker der österreichischen Literatur:

Der veruntreute Himmel. Die Geschichte einer Magd von Franz Werfel

Österreich in der Zwischenkriegszeit. Während sich durch Austrofaschismus und der Machtergreifung bereits dunkle Wolken am Horizont abzeichnen, dauert im Landsitz der Diplomatenfamilie Arfan in Grafenegg am Toten Gebirge wie in einer Oase das geistvolle, frohe Leben noch fort.
Der unstete Schriftsteller Theo, der jeden Sommer bei seinen Freunden, den Arfans, auf dem Land verbringt, beginnt sich im Jahr einer großen Tragödie für die Lebensgeschichte, oder besser: den Lebensplan der alten, sturen Dienstmagd Teta Linek zu interessieren, die etwa ab der Hälfte des Buches in dessen Mittelpunkt tritt...

Ein etwas mäanderndes, aber dennoch sehr interessantes und unerwartetes Buch, das ich wohl nie selber ausgewählt hätte (obwohl ich Werfels Vierzig Tage des Musa Dagh über den türkischen Völkermord an den Armeniern sehr geschätzt habe). Es bietet einen sehr spannenden Einblick in Mentalität und Lebensrealität des Zwischenkriegsösterreichs, vor allem auch interessant daher, da es noch vor dem zweiten Weltkrieg geschrieben wurde und sich nicht nur einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht widmet. Am Anfang war es echt eine kleine Herausforderung, sich wieder einer ganz anderen, deutschen Sprache zu stellen (unglaublich, was sich da in siebzig Jahren tut), aber am Ende war es auf jeden Fall lohnenswert: auch wenn ich der katholischen Glaubenswelt nicht mehr angehöre, so ist es immer wieder interessant, ihren Einfluss, vor allem in früheren Zeiten, literarisch verwertet zu sehen. :)
Dr. Zoidberg
 

Beitragvon base am 28. April 2013 12:48

@Treads zum Thema: Au ja, mach das mal beizeiten. Könnte interessant werden. :)
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Beitragvon Dr. Zoidberg am 30. April 2013 08:40

Zuletzt gelesen, ein sehr witzig geschriebenes, klassisches Gedankenexperiment aus dem Jahre 1884:

Flatland: A Romance of Many Dimensions by Edwin A. Abbott

A. Square lebt ein zufriedenes, glückliches Leben als Quadrat in Flatland, einer Welt in der es Breite und Länge gibt, jedoch keine Höhe, keine dritte Dimension: Alles ist absolut flach, zweidimensional. Die Lebewesen, die Flatland bevölkern, sind geometrische Figuren, deren sozialer Rang und in gewisser Hinsicht auch ihre Intelligenz von der Anzahl ihrer Kanten bestimmt ist: ganz unten auf der sozialen Leiter befinden sich Frauen, die nichts weiter als Linien sind, gefolgt von gleichschenkligen Dreiecken, die als Arbeiter, Soldaten und Polizisten verwendet werden (je spitzer der Winkel, desto gefährlicher für die übrigen Bewohner von Flatland!). Als Viereck genießt A. Square bereits einiges an Ansehen, er selbst aber blickt zu den höheren Kasten der Penta- und Hexagone auf, während jene Polygone, die bereits Kreisen ähneln, der höchsten Priesterklasse angehören.
Während die ersten Kapitel erklären, wie das Leben in Flatland so funktioniert (eine der größten Herausforderungen ist es, sein Gegenüber zu erkennen, da ja jedes zweidimensionale Objekt, von der Seite aus betrachtet, nur eine Linie ergibt), welche sozialen, politischen und historischen Strömungen das Leben in Flatland präg(t)en, so berichtet der zweite Teil des Buches von den Besuchen in Lineland und Pointland (ein- beziehungsweise nulldimensionale Welten) und der Entdeckung der dritten Dimension (Spaceland), die Square in eine Sinnkrise stürzt. Zurück in Flatland will Square seine Umwelt für die höhere Dimension begeistern, doch er landet rasch als Ketzer im Gefängnis...

Flatland ist ein kurzes und kurzweiliges Büchlein, das sich schon vor 130 Jahren mit der Frage nach höheren (und niedrigeren) Dimensionen beschäftigt hat, lange bevor diese Frage durch die moderne Wissenschaft aktuell wurde. Als Gedankenexperiment macht es großen Spaß, sich in eine zweidimensionale Welt hineinzudenken, auch wenn das nicht gerade einfach ist. Durch die anthropomorphe Betrachtung der Bewohner Flatlands wird jedoch rasch eine Brücke geschlagen, und man findet sich gut zurecht.
Während das Weglassen einer Dimension für unser Vorstellungsvermögen durchaus machbar ist, fällt das Hinzufügen einer weiteren Dimension umso schwerer - ich kann da mit Square mitfühlen, dass es ihm sehr schwer fällt, seinen Mitbürgern seinen Ausflug in die dritte Dimension zu erklären. Hier gibt's ein tolles Video, in dem Carl Sagan Flatland anschaulich darstellt, und auch ein paar vierdimensionale Körper zeigt (bzw. die 3D-Projektion davon): :up:

Dr. Zoidberg
 

Beitragvon base am 30. April 2013 18:31

Sag mal woher nimmst du die Zeit so viel zu lesen?
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Beitragvon heuberg am 13. Mai 2013 20:08

uhhh...ich kenn mein NÄCHSTES Buch :)

Dan Brown bringt morgen sein nächstes Werk auf den Markt :)
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Beitragvon Joey am 4. September 2013 20:01

Jojo Moyes - ein ganzes halbes Jahr..

gerade ausgelesen, ein wahnsinnig berührendes Buch!!!
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Beitragvon Havelock am 1. Oktober 2013 12:52

Mein letztes war Christopher Moore - Die Bibel nach Biff.
Sehr unterhaltsam, wenn der Autor auch von der realen Existenz Jesu ausgeht und ein paar Theorien über Kontakte in den Osten nutzt. Sehr lesenswert.
Ansonsten ein paar Sachbücher von Peter Scholl-Latour.
Und englische Terry Pratchett als Hörbuch, das sind meine ständigen Begleiter.
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