Die Welt ohne uns

Forschung, Erkenntnisse und Technologie

Beitragvon Ece am 21. Februar 2009 23:14

Lassen wir uns auf ein kreatives Experiment ein: Nehmen wir an, der schlimmste Fall sei eingetreten. Die Vernichtung der Menschheit wäre eine vollendete Tatsache. Wir lassen alles, wie es ist, aber wir nehmen die Menschen aus diesem Bild heraus. Löschen uns einfach aus. Was bleibt? Wie würde die Natur reagieren, wenn sie plötzlich vom Einfluss der Menschen befreit wäre?

Eine Apokalypse, die Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroben ungeschoren davonkommen lässt: in dieser Form nicht wirklich vorstellbar, selbst im Falle einer globalen Seuche, die uns bis auf den letzten Mann und die letzte Frau hinwegrafft. Doch anders würde das Gedankenspiel des US-Journalisten Alan Weisman, das erst Grundlage eines Artikels und schließlich zum Ausgangspunkt eines seit dem Ersterscheinen 2007 wiederholt neuaufgelegten Bestsellers - Die Welt ohne uns - wurde, nicht funktionieren.

Die erste Überraschung dürften LeserInnen, die sich eine Art spekulativer Chronologie der Zukunft erwarten, erleben: Eine solche finden sie nur in tabellarischer Form auf den Umschlaginnenseiten, beginnend 2 Tage nach dem Verschwinden der Menschen (New Yorks U-Bahn wird nach dem Stopp des Pumpen-Dauerbetriebs überflutet), endend mehrere Milliarden Jahre in der Zukunft (unsere Radiowellen breiten sich weiterhin im All aus). Das Buch selbst ist diachronisch angelegt, bleibt hauptsächlich in der Gegenwart und verlässt unsere Zeitebene weit öfter Richtung Vergangenheit als in die Zukunft.

Doch das hat seinen Grund: Weisman legt ein globales ökologisches Mosaik aus, um zu zeigen, wie nachhaltig die Menschheit die Erde bereits verändert hat und was für unauslöschliche Spuren wir hinterlassen werden. Er reiste dafür über alle Kontinente und Meere und interviewte ExpertInnen von der Biologie bis zur Archäologie. Einige der Schauplätze muten wie von AutorInnen ersonnene Dystopien an: Etwa der Texas Petroleum Patch, der gigantische Petrochemie-Cluster um Houston, oder die Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) in New Mexico, auf deren Gelände Granitmonumente und im Boden vergrabene Tonscheiben für die nächsten 10.000 Jahre vor eingelagertem Atommüll warnen sollen: multilingual, um hoffentlich auch von den SprecherInnen zukünftiger Sprachen verstanden zu werden. Gruselig auch das Kapitel über den "Great Pacific Garbage Patch", die im Nordpazifikwirbel rotierende lose Ansammlung von Kunststoffteilchen unterschiedlichster Herkunft, die inzwischen quasi-kontinentale Ausmaße erreicht hat.

Die LeserInnen von Die Welt ohne uns müssen geistig gut zu Fuß sein, denn sie werden kapitelweise von einem Schauplatz zum nächsten katapultiert: vom Grüngürtel der innerzypriotischen Grenze ins erdbebengefährdete Istanbul, von den Wäldern Neuenglands zum Panamakanal und nach Tschernobyl, wo die Natur heute schon im Kleinen die Rückeroberung ehemals von Menschen besiedelter Gebiete proben kann. Das mag sprunghaft erscheinen - anders ist einem derart komplexen Thema, wie es sich Weisman vorgenommen hat, allerdings auch nicht beizukommen. Und zwischendurch geht's auch mehrfach in die Vergangenheit, etwa zur Ausrottung der eiszeitlichen Megafauna Nordamerikas oder dem Verschwinden der Maya: Denn großmaßstäblichen Einfluss auf seine Umwelt hat der Mensch nicht erst seit dem Industriezeitalter ausgeübt.

Weismans Stärke ist es, den Fokus auf immer neue Aspekte des großen Gesamtbildes zu richten; speziell diejenigen, die mit einem der behandelten Themen in Erstkontakt treten, werden unerbittlich zum Nachdenken angeregt. Zwangsläufig bleibt aber auch so einiges an der Oberfläche. Bei vielen Aussagen hätte man sich aber Fußnoten gewünscht, um sie einer eindeutigen Quelle zuordnen und gegebenenfalls nachprüfen zu können. So muss man es eben einfach hinnehmen, dass in ein paar hundert Jahren alle Haustiere mit Ausnahme der Katzen ausgestorben sein werden und Ratten und Kakerlaken nicht überleben werden, wenn wir sie nicht mehr mit Müll und beheizten Häusern versorgen.

Auch das Gegenüberstellen verschiedener wissenschaftlicher Theorien zu ein und demselben Phänomen ist nicht unbedingt Weismans Sache: Warum das Zebra Streifen hat oder was die Maya-Kultur in den Untergang getrieben hat - Weisman präsentiert mangels Alternativen jeweils nur eine Sichtweise als "Wahrheit", wo Fachleute in Wirklichkeit noch diskutieren. Und dass die vom Menschen vorangetriebene Klimaerwärmung "die Erde in eine zweite Venus verwandeln" könnte, ist selbst im aufgeheiztesten aller Klima-Diskurse noch wenigen eingefallen.

Geht man noch eine Ebene tiefer, kommt man zur Grundausrichtung des Buches - und die ist erstaunlich ambivalent. Weisman führt zwar den Biologen Peter Ward als eine seiner Referenzen an, ignoriert aber dessen Anschauung, dass es nie mehr - egal durch welche Katastrophe - zu einem völligen Verschwinden der Menschheit kommen kann und wir bis ans Ende der Zeit der bestimmende Faktor der irdischen Ökologie bleiben werden. Seinerseits eine ausgesprochen diskussionswürdige These, die Ward in seinem Buch "Future Evolution" vertritt; allerdings ist sie als polemische Replik Wards auf Zukunftsszenarien zu verstehen, wie sie beispielsweise in der TV-Serie "Die Zukunft ist wild" ersonnen und per CGI massenpublikumstauglich umgesetzt wurden. Ward kritisiert nicht die mehr oder weniger plausiblen Gedankenspielereien über künftige Richtungen der Evolution, sondern die durchaus seltsame Freude, die es den SchöpferInnen dieser Konzepte und ihrem Publikum zu bereiten scheint, sich eine bukolische Welt ohne Menschen auszumalen.

Einiges von dieser autoaggressiven Lust an der "unbefleckten" Natur taucht auch in Weismans Formulierungen gelegentlich an die Oberfläche: Sind wir erst mal aus dem Bild genommen, "dann würde sich die Erde endlich von uns erholen". Fraglich, ob der ökologischen Botschaft des Buchs gedient ist, wenn ein Umdenken Richtung Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit zwar als Notwendigkeit gezeigt wird - der Idealfall aber eigentlich unser sanfter Massentod wäre. Oder fühlt sich davon jemand zu ökologischem Verantwortungsbewusstsein motiviert? Auf zwei Extrembeispiele in diese Richtung - das Voluntary Human Extinction Movement und die Church of Euthanasia - wird in einem eigenen Kapitel eingegangen.

Spurlos verschwinden werden wir ohnehin nicht, zumindest das ist sicher: Küchengeschirr aus Metall wird noch herumliegen, wenn die Küche selbst nebst dem sie umgebenden Haus längst zerfallen ist, Monumente wie der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal könnten sogar ein paar Millionen Jahre überdauern. Dioxine und das Strahlenerbe der Atomindustrie wird die Erde wohl nie mehr wieder völlig los, doch werden neue Bodenschichten im Lauf der Zeit die Gifte gnädig überdecken. Und selbst wenn unser Heimatplanet einmal von der Sonne verschlungen wird, werden sich immer noch Fragmente der Rundfunksendungen, die wir seit dem vorigen Jahrhundert ausstrahlen, im Kosmos ausbreiten.

Quelle: derstandard.at


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Hast du dieses Buch gelesen? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie die Erde sich entwickeln würde, wenn die Menschheit verschwände?

Mir war bis dato nicht bewusst, dass die Spuren, die die Menschheit auf der Erde hinterlassen hat, nie wieder verschwinden werden, weil sie schon zu gravierend sind. Ich habe, wie viele andere sicherlich auch, angenommen, dass die Erde sich nach unserem (potenziellen) Verschwinden doch früher oder später erholen wird. Dass das nicht der Fall sein wird, zeigt meiner Meinung nach, wie bedeutend die Auswirkungen unseres Handelns auf unseren Planeten sind und wie wichtig ein verantwortungsvolles und bewusstes Handeln der Menschen ist.
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Beitragvon Dr. Zoidberg am 22. Februar 2009 13:26

Also ich würde hier mal die Kirche im Dorf lassen.
Wer das Buch gelesen hat (es ist übrigens sehr genial geschrieben und behandelt Themen und Fragen, die mich selbst schon seit Jahren beschäftigen), der erkennt nämlich zweierlei Dinge: zum einen die bereits angesprochene Dauerhaftigkeit gewisser Eingriffe in die Biosphäre, die Äonen überdauern werden. Auf der anderen Seite aber auch, dass viele der scheinbar großen technologischen Leistungen der Menschheit nur durch ihre permante Erhaltung und Wartung bestehen bleiben; unsere Städte würden schon nach ein paar Jahrzehnten kaum wiederzuerkennen sein, ja, das meiste Menschenwerk befindet sich eigentlich im permanenten Verfall, was nur durch unsere eigene Kurzlebigkeit nicht sichtbar wird.

Außerdem, was ist für dich "nie wieder verschwinden"? Wenn man eine solche Frage mit menschlichen Maßstäben in Zeiträumen von Jahrzehnten oder Jahrhunderten betrachtet, begeht man einen großen Fehler und argumentiert anthropozentrisch in einer menschenleeren Welt. Man sollte eher geologische Zeiträume betrachten. Nach ein paar Millionen oder auch nur Hunderttausenden von Jahren, wenn erstmal ein paar Eiszeiten den Planeten heimgesucht haben und Gletscher ganze Landstriche glattgeschliffen haben, wirst du schon sehr genau suchen müssen, wenn du noch was Menschliches finden möchtest.

Zum Thema Radioaktivität: Nachdem der Großteil des radioaktiven Materials einst aus unserer eigenen Erdkruste geholt wurde, würde ich auch das "Strahlenerbe" der Menschheit nicht überbewerten. Die Menschheit hat radioaktives Material zwar angereichert und durch Kernspaltung auch ein bisschen Neues geschaffen, aber solange wir nicht bald einen schmutzigen Atomkrieg starten, dürfte auch dieses Erbe in Zukunft nur äußerst schwierig nachweisbar sein.

Am ehesten nachvollziehbar ist die große Wirkung des Menschen, wenn man sich andere Arten ansieht, in deren Entwicklung die Menschheit eingegriffen hat. Wir sind verantwortlich (manchmal gezielt, meistens jedoch aus Unachtsamkeit und Nachlässigkeit) für die Ausrottung von vielen Spezies. Gleichzeitig haben wir durch Domestizierung und Zucht auch tausende ganz neue Arten geschaffen, vom Einsatz der Gentechnik ganz zu schweigen. Ja, vielleicht werden zu den am längsten nachweisbaren Menschenwerke ein paar Resistenzgene in Pflanzen, die dort so gar nicht hinpassen, gehören, wer weiß?
Aber auch hier gilt: so tragisch das Aussterben von einzelnen Arten in der direkten Betrachtung ist, wenn man sich "the big picture" ansieht, dann bleibt einem nur das Schulterzucken: die Geschichte der Evolution ist eine Geschichte des Massen(aus)sterbens. Ständig werden Arten verdrängt, verschwinden, gehen unter. Im "Normalfall" durch natürliche Selektion, weil andere Arten entstehen, die die herrschenden Naturbedingungen besser ausnutzen können oder auch, weil sie ihre Umwelt zu ihrem Vorteil verändern. Es gibt aber genügend Beispiele von Massensterben durch Naturkatastrophen, wo einfach 90% der Arten ausgerottet wurden, egal wie gut oder schlecht sie an die Umwelt angepasst wurden.
Ja, das ist tragisch. Aber wenn man sich die Entstehung der Arten ansieht, folgte noch jedem Massensterben eine Artenexplosion.
Auch wenn die Menschheit heute viele Tier- und Pflanzenarten ausrottet (dabei aber nie und nimmer an die großen Massensterben von früher heranreicht), so können wir uns wenigstens damit trösten, dass wir nach unserem Ableben vielleicht das Entstehen von vielen, vielen neuen Spezies begünstigt haben. ;)

Und auch wenn ich mich persönlich sehr für den Klimaschutz einsetze und finde, dass man den Klimawandel möglichst bremsen sollte, darf man nicht vergessen, dass das Klima in der Erdgeschichte auch nie statisch war, sondern sich immer wieder verändert hat - damals natürlich in ganz anderen Zeiträumen. Aber selbst wenn wir sämtliche fossilen Brennstoffe auf einmal verheizen würde, CO2-Level wie in der Kreidezeit werden wir nie und nimmer erreichen können. ;)

Das alles heißt bitte nicht, dass ich mich nicht sehr für Umwelt-, Arten und Klimaschutz einsetzen würde. Aber man sollte doch die Rolle des Menschen auch nicht überbewerten. Den Menschen als Weltenzerstörer dazustellen, ist auch nur eine andere Form der Selbstverliebtheit und Arroganz.

Hast du das Buch eigentlich selber gelesen (oder nur die Rezension kopiert)?
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Beitragvon Ece am 23. Februar 2009 12:07

Ich habe das Buch noch nicht selber gelesen, es steht auf meiner Leseliste, die ziemlich lang ist. :) Bei dem Text handelt es sich wie angegeben um einen Artikel des Online-Standard über das Buch.

Mit "nie wieder verschwinden" habe ich mich tatsächlich auf für Menschen begreifbare Zeitintervalle bezogen. Und aus dem Artikel, der sich immer wieder auf "ein paar Millionen" Jahre bezieht, erscheint mir diese Zeitspanne schon relativ lang.

Die Rolle des Menschen sollte aus meiner Sicht auch nicht unterbewertet werden, denn mit deinem Vergleich von Millionen oder Milliarden von Jahren relativiert sich fast alles, und in diesem Fokus hat der Mensch wirklich keine Bedeutung mehr. Was aber die Jetzt-Zeit betrifft, so gibt es tatsächlich nichts anderes, das die Erde und die Umwelt so stark beeinflusst wie der Mensch. Und diese Erkenntnis hat nichts mit Selbstverliebtheit oder Arroganz zu tun, oder würdest du den Wissenschaftlern, die diese Erkenntnisse publizieren dies vorwerfen?

Letztenendes ist das Buch ein interessantes Gedankenexperiment, ich glaube aber nicht, dass der Autor durch seine Thesen die Menschen von der Verantwortung gegenüber ihrer Umwelt entbinden will.
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Beitragvon Existenz am 25. Februar 2009 17:04

Hab das Buch, aber erst reingelesen, Mitbewohner hats gelesen und meinte wie ich von dem was ich gelesen hab sehr interessant und gut geschrieben. Kann dazu auch die relativ umfassende und extrem interessante Entstehung der sogenannten Zivilisation empfehlen: "Arm und Reich" von Jared Diamond. Erklärt, wie Kultur sich mit den Kulturpflanzen und Geographischen Besonderheiten der Kontinente mit entwickelt hat und warum eben die einen vor den anderen "zivilisiert" waren.
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Beitragvon ad.dict am 30. Mai 2012 21:07

Gibt es zu diesem Thema nicht auch einen Film?
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